Diskussionskultur #1

Ich bin absoluter Anhänger der Meinungsfreiheit, das bedeutet für mich dann aber auch, dass ich mich womöglich mit Meinungen und Theorien auseinander setzen muss, denen ich mich nicht anschließen kann oder die ich absolut wiederlich und verwerflich finde. Ich kann verstehen dass es oft einfacher ist der Diskussion aus dem Weg zu gehen oder die Argumente Ängste und Theorien der anderen nicht ernst zu nehmen, ich bin aber der Meinung das niemand davon profitiert weder man selbst, der vielleicht einen Erkenntnisgewinn davon trägt, noch für die anderen die man vielleicht, mit guten Argumenten, dazu bringen kann ihren Standpunkt nochmal zu hinterfragen. Mir fällt verstärkt auf dass es den Trend dazu gibt (vielleicht war das auch schon immer so es fällt mir in letzter Zeit nur verstärkt auf) sich mit den Argumenten der anderen Seite überhaupt nicht auseinander zu setzen indem man einfach einen Teilbereich seiner Argumente Werte oder Meinungen nimmt und sagt mit Leuten die diese These oder Werte vertreten rede ich nicht. Ich finde das bedenklich weil jemand der vielleicht rechte Tendenzen hat trotzdem durchaus berechtigte Kritik an unserem Finanzsystem oder der Sozialpolitik unseres Landes üben kann.  Wahrscheinlich ist seine Schlussfolgerung nicht die, die ich als richtig empfinde, aber darum geht es ja auch garnicht.

Dann habe ich mir die Tage ungeschnitte Interviews des NDR von Pegida Demos angeschaut und mir fiel auf dass viele Ängste und Probleme der Leute durchaus berechtigt sind, natürlich war auch viel Blödsinn dabei und Anhänger von Chemtrails und Reichsbürger aber halt auch Leute die berechtigte Ängste haben. Mehrere Leuten hatten zum Beispiel gesagt dass ihrer Rente nicht zum Leben reicht, und das ist nicht von der Hand zu weisen, nur ist ihre Schlussfolgerung nicht dass wir das Sozialsystem überdenken sollten, sondern dass wir keine Ausländer in unserem Land aufnehmen sollten. Was ich sagen will ist, vielleicht wäre jemand der die These vertritt „Die Ausländer sind Schuld das unsere Rentner hungern“ davon zu überzeugen dass das Problem nicht die Ausländer sind sondern unsere absolut unfaire Steuerpolitik, das ist aber nur möglich wenn ich überhaupt mit ihm rede und ihn Ernst nehme, ziehe ich seine Argumente oder Ängste ins lächerliche ist es, glaube ich, eine ganz normaler menschliche Reaktion einfach dicht zu machen.

Auch fällt mir auf dass es auch innerhalb der eigenen Peergroup unausgesprochenen Dogmen gibt die nicht diskutiert oder in Frage gestellt werden dürfen. Das führt aber dazu dass es immer kleiner Splittergruppen gibt die im großen und ganzen vielleicht dasselbe Ziel haben sich aber in bestimmten Details oder der Wahl der Mittel nicht einig sind und sich in Folge dessen gegenseitig blockieren anstatt zu sagen wie wir das Ziel erreichen ist erstmal egal aber wir können uns darauf einigen das es ein gemeinsames Ziel gibt das uns verbindet. Bei dem Thema Feminismus fällt mir das extrem auf, zum einem  sprechen bestimmte Gruppen einem als Mann erstmal generell die Berechtigung dazu ab über Feminismus zu sprechen einfach weil man ja ein Mann ist und nicht persönlich betroffen ist, zum anderen werden in anderen Gruppen dann Grabenkämpfe darüber geführt ob jetzt gegendert werden muss oder nicht, oder noch eine Ebene tiefer, innherhalb der Gruppe die sich einig darüber ist dass gegendert werden muss, werden dann elendig lange Diskussionen darüber geführt wie jetzt richtig gegendert wird. Ich meine den Leuten muss doch klar sein dass ihre Diskussion zu keinem brauchbaren Ergebniss oder Fortschritt für ihr eigentliches Hauptanliegen führt. Wir müssen, denke ich, in solchen Debatten einfach das eigene Ego überwinden und aufhören Leute auszuschließen die unsere Überzeugungen nicht zu 100% teilen aber im Prinzip das selbe Ziel haben. Wenn ich zum Beispiel auf einer Party zu später Stunde mit Leuten in der Küche diskutiere und anführe dass ich die Debatte wie gegendert werden soll wenig zielführend finde muss ich mir anhören dass ich ja eh nix zu dem Thema zu sagen hätte weil ich ja ein Mann bin… HÄ?. Also ich teile das übergeordnete Ziel mit dir aber muss mich persönlich angreifen lassen weil ich ja ein Mann bin? Das macht doch keinen Sinn, wir haben das selbe Ziel und sind uns vielleicht über ein absolutes Randthema uneinig, beziehungsweise habe ich das falsche Geschlecht, und deswegen darf ich mich nicht einbringen?

Ich versuche das ganze nochmal an einem anderen Thema zu verdeutlichen: Ich versuche mein Umfeld davon zu überzeugen ihre Kommunikation zu verschlüsseln, weil ich das für ein wichtiges Werkzeug der Selbstverteidigung halte. Wenn jetzt ein Freund von mir zu mir kommt und sagt „Ich verschlüssel meine Mails jetzt übrigens mit XYZ“ dann geh ich ihn doch nicht dafür an und sage “ Du hast ja mal garkein Recht mit mir über Verschlüsselung zu reden weil du XYZ benutzt aber ABC wäre die viel bessere Variante“, sondern ich freue mich doch darüber dass ich ihn zum nachdenken angeregt habe und er jetzt seine Mails verschlüsselt.

Nicht dass das jetzt falsch verstanden wird ich bin durchaus dafür dass solche Sachen diskutiert werden ob jetzt XYZ oder ABC die bessere Wahl zur Verschlüsselung von Mails ist. Aber jemand der XYZ benutzt tritt doch für das selbe Ziel ein bzw. hat doch zum größten Teil die selbe Meinung zu dem Thema wie jemand der ABC benutzt und das ist der springende Punkt. Wenn wir uns in Grabenkämpfe um ein winziges Detail verwickeln lassen können wir die Energie die wir dabei verbrauchen nicht in unser gemeinsames Ziel investieren.

 

 

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Autor: Marvin

Anfang-Mitte 20,technikbegeistert,politisch nicht völlig uninteressiert und wohl bald wieder Student.

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